Rentiere statt Kratzen (Teil 1)

Das Kratzen ließ Judith aufhorchen. Sie sah auf. Am Wohnzimmertisch saß Johanna vor ihren Schulaufgaben und schien nicht zu merken, wie sie sich die Haut wund rieb. Auf dieses Geräusch war Johannas Mutter mittlerweile sensibilisiert. Judith stand auf und nahm sanft die Hand ihrer Tochter in die Ihre, um sie vor weiterem Kratzen zu schützen. “Oh”, bemerkte das neunjährige Mädchen. 

“Ich glaube, dieser Pullover ist doch zu kratzig. Wollen wir einen anderen für dich heraussuchen, mein Liebes?”. 

Traurig sah Johanna hoch. Sie liebte ihren Winterpullover aus Alpaka-Wolle so unfassbar sehr. Es war ein niedliches Rentier mit einem grünen Schal darauf. Heute Morgen hatte sie darauf bestanden, ihn trotz des Wollanteils anzuziehen. Schließlich musste der 2. Advent feierlich begangen werden. Dieser kuschelige und warme Pullover war das einzige, was Johanna dem Anlass angemessen empfand. Nur leider war die Wolle trotzdem piksig und befeuerte den Neurodermitis-Schub des kleinen Mädchens. 

“Muss ich?” fragte Johanna. “Meinen Rentier-Pulli in den dunklen Schrank legen?”

“Wir können heute einen anderen Pullover anziehen und dafür das Rentier draußen auf dem Feld suchen, ja?”, erwiderte ihre Mutter.

Mit einer Mischung aus Bedrückung durch den zeitweisen Lieblingspulli Verlust und Vorfreude auf eine eventuelle Rentier Begegnung schob sich Johanna vom Stuhl und polterte die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf. Das Feld in der Nähe von Johannas Zuhause war nicht nur so uneben, dass es sich wunderbar zum Schlitten-Fahren eignete, es grenzte außerdem an einen kleinen Wald. Dort konnte man immer wieder Rehe beobachten. Johanna wusste natürlich, dass die Rehe zu Weihnachten in Wirklichkeit zu Rentieren wurden. Nachts, wenn die Sterne funkelten und nur der Mond Licht auf Feld, Wald und Häuser warf, würden den Rehen Geweihe, starke Beine und ein dickes Fell wachsen. Dann könnte jederzeit Santa Claus sie zusammenrufen, um bis zum Weihnachtsfest rechtzeitig alle Geschenke für die Nachbarschaft vorbeibringen zu können. 

Heute, am 2. Advent, lag genug Schnee, um den Hügel mit dem Schlitten ein paar Mal herunterzurodeln. Daher waren Johanna und ihre Mama Judith nicht die einzigen, die dick eingepackt, mit Handschuh und Schlitten im Schlepptau auf das Feld marschierten. “Ach schau, da sind ja auch Melissa und ihr Bruder!”, rief Judith ihrer Tochter zu. Johanna entdeckte ihre Schulfreundin und deren Bruder sofort und lief zu ihnen. Während Judith sich mit den Eltern der beiden Nachbarskinder unterhielt, sausten die drei selbst abwechselnd zu zweit oder einzeln auf ihren Schlitten den Hügel hinab. Melissa war genauso alt wie Johanna und ging mit ihr in die gleiche Klasse. Ihr Bruder Leo war ein Jahr jünger als sie, aber hatte schon fast immer bei den meisten Spielunternehmungen mitgemacht. 

Gerade hatten sich Melissa und Johanna beide auf einen Schlitten gesetzt und beschlossen, mit Leo um die Wette zu fahren. “Wer als Erstes unten bei der Markierung ist, hat gewonnen!”, riefen sie. “Papa, schiebst du mich an?”, fragte Leo und drehte sich zu seinen Eltern um, die sich immer mehr ins Gespräch mit Judith vertieften. Der Vater reagierte: “Aber nur, wenn die anderen beiden auch einen Anschubser bekommen.” Er legte eine Hand auf Leos Rücken, die andere auf Melissas (Johanna wollte lieber vorne sitzen) und gab den Kindern einen ordentlichen Schwung. Alle drei rauschten sie nach unten. Johanna und Melissa schlitterten schnurstracks geradeaus und wurden immer schneller, überholten Leo und fingen vor Aufregung an, zu kreischen. Sie kamen an der vorher festgelegten Markierung ins Ziel und riefen “Erster!” im Chor. Leo sauste auf etwas gekrümmter Bahn den Berg hinunter. Der Anschubser war vielleicht doch ein wenig in die falsche Richtung gegangen. Die beiden Mädchen beobachteten, wie kurz vor dem Ziel sein Schlitten zu wackeln begann und er in den Schnee kippte. 

“Ist alles in Ordnung?”, fragte Melissa und beide gingen zu Leo. 

“Ja, nichts passiert. Nächstes Mal mache ich es ganz alleine und dann gewinne ich!”

“Dein Gesicht ist ganz rot.” bemerkte Johanna und war sich nicht sicher, ob beim Umkippen mit dem Schlitten nicht doch etwas passiert sei. 

“Deins doch auch!”, rief Leo und zeigte mit dem Finger auf Johanna. “Deine Wangen sehen echt knallrot aus. Hast du dich verbrannt?!”. Melissa und Leo fingen an zu kichern und zu lachen. Sie meinten ihre die Neurodermitis im Gesicht, dachte Johanna. Das tat weh, so etwas zu hören. 

“Ich fahre nochmal alleine”, sagte Johanna kurz, nahm ihren Schlitten und drehte sich schnell von den anderen beiden weg, die immer noch glucksten. Sie rannte in schnellen Schritten den Hügel wieder hinauf. Sie war traurig und auch wütend. Mit ihrer Bemerkung hatte sie sich ernsthaft Sorgen um Leo gemacht. Aber er hatte einfach so blöd auf sie gezeigt und sich über ihre Haut lustig gemacht, wie gemein! Das war nicht das erste Mal, aber es tat trotzdem weh, sowas zu erleben.

Oben angekommen rief Johanna: “Ich fahre jetzt bis zum Horizont! Mama, du musst mich kräftig anschubsen. So kräftig wie du kannst!”. Judith schob die kleine Johanna so kräftig an, wie sie es verantworten konnte. (Natürlich in eine Richtung, die nicht direkt auf Melissa und Leo zeigte.) In vollem Tempo schnellte Johanna auf ihrem Schlitten den Schneeberg hinunter. Der Fahrtwind entlockte ihr eine kleine Träne. Sie sauste in einem Hochgeschwindigkeitstempo den Hügel hinunter, an Melissa und Leo vorbei und immer noch weiter. Ihr Schlitten schien nicht stehen bleiben zu wollen. Erst kurz vor Beginn des Waldes machte er Halt. Es war bereits nachmittags und wurde allmählich dämmrig. Johanna fühlte sich allerdings wie an ihrem Schlitten festgeklebt. Sie war so weit gekommen, dass unmittelbar um sie herum niemand war und auch niemand hören konnte, wie sie weinte. Es kullerten die Tränen aus ihren Augen nur so heraus. Was für ein blöder zweiter Advent, dachte sie. Die Haut auf ihren Wangen juckte und tat weh, je mehr sie sich die Augen rieb vor lauter Weinen. 

Plötzlich hörte sie ein leises Grunzen und Fiepen. 

“Hallo?”, fragte Johanna nun aufhorchend. “Ist da wer?” 

Jetzt konnte sie ein Schnaufen hören. Sie blinzelte und sah in den dunklen Wald hinein. Da stand doch etwas! Etwas Vierbeiniges. Da! Ein rotes, kleines Leuchten direkt nur ein paar Meter vor ihr!

“Wer ist da?”, rief Johanna etwas ängstlich. 

“Ach, niemand”, kam es zögernd zurück. Die Stimme klang zaghaft, fast ein wenig bedrückt. 

“Also ich tue dir nichts, wenn du mir nichts tust.”

“Ja… wirklich nicht?”, fragte die Stimme zaghaft zurück. 

Ich tue niemanden was”, antwortete Johanna überzeugt. 

Da kam plötzlich ein Rentier aus dem Schatten des Waldes hervor. Es stand immer noch ziemlich verdeckt unter einer großen Tanne, aber Johanna konnte es sehen. Und seine Nase war ganz rot. 

“Oh, ich weiß, du musst Rudolf sein!”, rief das Mädchen aufgeregt vor Freude.

“Ach, woher weißt du das?”, fragte das Rentier ängstlich zurück.
“Nur Rudolf kann so eine leuchtend rote Nase haben”, wusste Johanna.
“Oh nein, jetzt machst du dich auch über mich lustig.” 

“Quatsch, Deine rote Nase ist doch gerade das Besondere an Dir. Ich mag sie.”
Jetzt wurde das Rentier hellhörig und hob erstmals den Kopf. “Also alle anderen Rentiere lachen mich aus, wenn sie meine rote Nase sehen. Sie zeigen mit ihren Hufen darauf und finden sie komisch. Deshalb verstecke ich mich hier abseits von allen anderen.”

“Oh nein, das ist ja schrecklich.” sagte Johanna zu Rudolf. “Aber ich kann Dich verstehen. Ich habe ganz rote Wangen, weil ich krank bin, und werde deshalb auch oft von anderen Kindern ausgelacht.” 

Rudolf legte den Kopf leicht schräg und seine rote Nase flimmerte aufgeregt. “Was, so gemein können Kinder sein? Und denen bringen wir Geschenke? Das ist aber nicht fair.” 

“Nein, das ist wirklich nicht nett. Aber dann stimmt es also, dass Du und die anderen Rentiere zusammen mit dem Weihnachtsmann die Geschenke an uns verteilen, ja?” Johanna war fasziniert von dem Vierbeiner vor ihr mit dem dicken Fell um den Hals, dem geschwungenen Geweih und der leuchtenden roten Nase. 

“Ja, na klar!”, rief Rudolf mit einem Anflug von Stolz. “Jedes Jahr legen wir uns alle mächtig ins Zeug und halten uns das ganze Jahr über fit, damit wir auch den großen Schlitten ziehen können.” 

“Ohhh”, machte Johanna vor Aufregung. “Darf ich mir was wünschen? Darf ich mir was wünschen?”, fragte sie und sprang vom Schlitten auf. 

“Du meinst vom Weihnachtsmann? Naja, ich könnte es ihm vielleicht weiterleiten…”, überlegte Rudolf. “Was wünschst du dir denn?”

Johanna sah Rudolf mit großen Augen an. “Ich würde gerne keine roten Wangen mehr haben.” 

Rudolf schnaubte. “Ja, das könnte ich versuchen, dem Weihnachtsmann zu sagen”, überlegte er. “Das heißt, wenn ich überhaupt die Gelegenheit dazu habe.” Betreten schabte er mit einer Hufe im Schnee. 

“Siehst du den Weihnachtsmann nicht oft?”, fragte Johanna.

“Doch… schon öfters. Besonders an den Adventsonntagen. Aber tja… wenn er meine rote Nase sieht… und die so leuchtet, dann traue ich mich ja gar nicht, ihn irgendwas zu fragen.” 

“Nicht schlimm!”, brach es freudig aus Johanna heraus, “Ich kann dich nächsten Sonntag begleiten. Und dann gehen wir gemeinsam zum Weihnachtsmann.” 

“Ja, würdest du das tun? Tja, dann kann ich wohl nicht nein sagen. Wollen wir uns dann nächsten Sonntag hier wieder treffen? Vielleicht so mittags, wenn die Sonne am höchsten steht? Ich glaube, der Weihnachtsmann kommt häufig kurz nach seinem Mittagessen zu uns.” 

Johanna war außer sich vor Freude. “Juhuu!”, rief sie und drückte Rudolf zum Abschied einmal fest. Aufgeregt und mit einem strahlenden Gesicht rannte sie zurück zu den anderen. Sie konnte den dritten Advent kaum erwarten. 

Hier geht’s zum 2. Teil der Weihnachtsgeschichte

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